Entführt in der Wüste

Susanne Längsfeld über ihre Zusammenarbeit mit Harald Ickler:

Es war ein Freund meines Mannes, nämlich Peter P., mit dem wir Mitte Mai in einer oberbayerischen Kneipe, die zwischen Irschenberg und Miesbach liegt, zusammensaßen: Wir sprachen über die Freilassung der ersten Geiselgruppe, die fast zwei Monate in der Wüste gefangen gehalten worden war. Die Entführung durch algerische Fundamentalisten war am Stammtisch schon öfter Thema gewesen, denn insgesamt vier der Sahara-Touristen stammten aus der Miesbacher Gegend; drei davon gehörten der ersten, kürzlich durch das algerische Militär befreiten Gruppe an. Ihre Rückkehr in die Heimat lag erst wenige Tage zurück. Peter, eigentlich ein Stadtbewohner wie ich, hat seit Ewigkeiten eine Wochenendwohnung am Stadlberg bei Miesbach und berichtete uns, dass es sich bei einem der Freigelassenen um den Lebensgefährten seiner Vermieterin handelte, der nun seelisch und körperlich erschöpft auf den Stadlberg zurückgekehrt war: belagert von in- und ausländischen Journalisten, die die Ex-Geisel in ihrer Berg-Idylle ihrer neugierigen Leserschaft präsentieren wollten.

Obwohl ich an einem Kontakt mit diesem Mann durchaus interessiert war, überwog meine Rücksicht auf seine Situation: "Irgendwann, wenn er sich von seinen Strapazen erholt hat, könntest Du mich mal bekannt machen mit ihm...“ sagte ich zu Peter.Mehr als drei Wochen später war es Harald Ickler, der sich telefonisch bei mir meldete: "Ich bin eine der Ex-Geiseln aus der Sahara. Wollen Sie ein Buch mit mir schreiben? Peter P. hat mir empfohlen, mich an Sie zu wenden!“

Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich alles ziemlich rasant: Nach den ersten Interviews, die mir einen groben Überblick über die Ereignisse während seiner Gefangenschaft gaben, schrieb ich ein Exposé und ein Probekapitel, das als Grundlage für meine Verhandlungen mit diversen Verlagen diente. Als Bastei-Lübbe in Bergisch-Gladbach sofort seine Zusage gab, musste alles recht schnell gehen: Ich hatte gerade sieben Wochen Zeit, um das Buch fertig zu stellen, denn es sollte noch vor Weihnachten in den Buchhandlungen erhältlich sein! Das bedeutete für mich: Tag und Nacht am Schreibtisch zu sitzen und ein- bis zweimal wöchentlich Harald zu treffen, der Kapitel für Kapitel seine Erlebnisse schilderte. Als Gedächtnisstütze nahm ich unsere Gespräche auf Kassette auf. Am Ende waren es 23 Stunden, die mit dem kleinen Aufnahmegerät protokolliert wurden.

Für Harald waren das Stunden, in denen er Schwerstarbeit leistete, weil er seine Gefangenschaft noch einmal erleben musste. Oft genug war er innerlich so aufgewühlt, dass er minutenlang nicht weitersprechen konnte. 
Ich selbst wurde sowohl beim Zuhören als auch beim Schreiben zur Mitreisenden durch die Wüste, die mit der Gruppe lebte und litt. Durch Haralds Brille erlebte ich die Konfrontation mit den anderen Gefangenen, aber auch mit den Entführern, jenen Kämpfern für einen algerischen Gottesstaat, zu dessen Entstehung die Entführung der 17 Touristen beitragen sollte.

Ich hatte die Jahreswende 2002/2003 mit einer kleinen ägyptischen Reisegruppe in der Weißen Wüste Ägyptens, etwa 250 Kilometer südöstlich von Kairo, verbracht und kannte deshalb die faszinierenden Seiten der Wüste: ihre geheimnisvolle Stille, ihre erhabene Unerbittlichkeit und nicht zuletzt den nächtlichen Sternenhimmel, dessen Anblick das Herz weitet und seinen Betrachter unversehens zu einem winzigen Lebewesen macht, das die unendliche Weite des Kosmos erahnt. 

Was Harald und seine Genossen bewogen hatte, einen Wüstentripp zu unternehmen, konnte ich bestens nachvollziehen. Deshalb machte es mir keine Sekunde lang Mühe, mich im  Geist mit ihnen auf den Weg zu machen, anhand einer Landkarte die Route zu überprüfen und in der algerischen Wüstenstadt Tamanrasset mit ihnen Station zu machen, dort wo die Geschichte beginnen sollte: Nämlich auf einem Campingplatz, der die Kulisse für den ersten offenen Streit der Reisenden darstellte.

Neben meinem Notebook lagen stapelweise Haralds Bildbände über die Wüste, damit ich die Landschaft möglichst detailgetreu beschreiben konnte. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, dass der Wüstensand bereits in die Tastatur meines Notebooks geraten war: Während ich schrieb, meinte ich, ein feines Rieseln zu vernehmen, so als ob mich die Wüste ermahnen wollte, bloß nicht auf das Unvermeidliche zuzutreiben... jenen Überfall durch die Mudschaheddin, der aus den Wüsten-Touristen mit einem Schlag Entführungs-Opfer machte, die über ihr Schicksal von nun an nicht mehr selbst bestimmen konnten.

Die Entführer hetzten mit ihren Geiseln von einem Lagerplatz zum nächsten, immer auf der Flucht vor dem algerischen Militär, das ihre Gefangenen womöglich ohne Rücksicht auf Verluste zu befreien versucht hätte.

Harald hatte mir Skizzen von jedem Lagerplatz gezeichnet, damit ich den Lesern die örtlichen Gegebenheiten so nahe bringen konnte, dass ein plastisches Bild vor ihren Augen entstand. Insbesondere jener Felsenkessel, in dem die Gruppe 25 Tage verbringen musste, sollte so ausführlich wie möglich beschrieben werden, damit nicht nur ich, sondern alle Leser in die Szenerie eintauchen können.

Seit Dezember 2003 liegt das Buch nun in den Buchhandlungen und verkauft sich gut. Harald ist öfter im Fernsehen zu sehen und beschreibt seine Zeit als Gefangener in der Wüste. "Warum fragen sie nicht auch mich?“ denke ich dann, denn ich war ja schließlich auch dabei ... 

Entführt in der Wüste - Tagebuch einer Sahara-Geisel - bei amazon.de bestellen ...